Versöhnung – Geht das?


Manche müssen in ihrem Leben viel einstecken und erfahren sogar schon als Kind, dass ihnen zu wenig Wärme und emotionale  Zuneigung entgegengebracht wird. So ist es Helga Schubert ergangen, der Autorin der Erzählung „Vom Aufstehen“. Für diese kleine autobiografische Geschichte hat Schubert 2020 den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen. 80 Jahre war sie da schon. Helga Schubert setzt sich im hohen Alter mit ihrer Mutter auseinander. Entscheidend für die Kälte der Mutter war die Erfahrung der Flucht, die sie allein mit der Tochter bewältigen musste. Mutter und Tochter landen bei den Schwiegereltern in Greifswald. Die Mutter erzählt ihrer Tochter später, dass sie dankbar sein könne, denn sie habe ihre Tochter nicht abgetrieben, obwohl sie nicht erwünscht gewesen sei, habe sie bis zur Erschöpfung im Kinderwagen auf der Flucht geschoben und auch nicht sich selbst und die Tochter getötet, obwohl die gefürchteten Russen schon vor Greifswald standen.

Die Tochter hätte allen Grund gehabt verbittert zu sein, aber sie entscheidet sich nicht für eine wütende Abrechnung, sondern sucht den Weg der Vergebung. Dabei betrachtet sie durchaus noch einmal ihre schmerzhaften Erinnerungen. Und sie fragt sich, warum ihre Mutter so hart geworden ist. Das Erstaunliche aber für mich ist, dass sie es schafft, selbst nicht so hart zu werden. Sie hat zwei Berufe, Schriftstellerin und Psychologin, die helfen ihr. Hilfreich ist auch ihr christlicher Glaube, der für sie eine Quelle von Hoffnung und Orientierung ist. Helga Schubert erzählt vom Aufstehen und davon, wie sie ihrer Mutter schließlich vergeben kann, sodass sie die Geschichte mit den Worten enden lässt: „Alles gut.“

In einem Literaturgottesdienst möchte ich diese Spur noch genauer verfolgen: Sonntag, 10. Juli, 11 Uhr, Friedenskirche Berne; Lienaustraße 6

Ihre Pastorin Dr. Christa Usarski