Jahreslosung 2021

20. Januar 2021

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„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist:“, dieses Wort aus dem Lukasevangelium steht über dem neuen Jahr 2021, als Wegbegleiter für uns alle.

In unserer Alltagssprache kommt das Wort „Barmherzigkeit“ kaum vor. Oder benutzen sie es in Ihren Gesprächen? Und auch in den Nachrichten im Fernsehen oder der Zeitung lese ich es nie.

Aber das, was „barmherzig sein“ bedeutet ist hochaktuell und wird durch die Jahreslosung in den Mittelpunkt gerückt.

In dem Wort steckt das Wort „Herz“, sichtbar auch auf diesem Bild: eine alte Holztür, ein rostiges Scharnier und darunter herzförmiges Guckloch. Solche herzlichen Aussparungen kann man an schönen großen Hoftoren finden. Eine einladende Türverzierung. Manches dieser schweren Tore mag auch schwer zu öffnen sein gerade wenn das Türschloss oder die Scharniere eingerostet sind.

„Mich erbarmen und mein Herz öffnen“, das steht als Einladung an uns über dem neuen Jahr – barmherzig sein mit denen, die mir begegnen, aber auch mit mir selbst. Jesus fasst das in dem uns allen bekannten Satz zusammen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Die Momente, in denen von uns Barmherzigkeit gefordert ist, treten oft völlig überraschend und unerwartet in unser Leben. So wie in dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter: Drei Reisende, die an einem verletzten Mann vorbeikommen. Zwei ziehen weiter. Nur einer öffnet sein Herz, zeigt Barmherzigkeit, hält an und hilft.

Es mag viele vermutlich gute Gründe geben wegzusehen und weiterzugehen. Und diese hochaktuelle Geschichte geschieht auch unter uns – ähnlich oder in vielen anderen Facetten. Ich denke an die Aufzeichnungen einer Kamera in einem Bankvorraum vor einem Geldautomaten, so gezeigt in einer Nachrichtensendung. Dort lag ein bewegungsloser Mann und wurde von vielen Geld abhebenden Kunden – wie eine unliebsame Störung in einem vertrauten Ablauf – ignoriert, liegengelassen, übersehen. Keinerlei Reaktion von irgendwem. Diese Bilder machen sprachlos.

Ich mag das Wort „Mitleid“ nicht, aber glaube es geht in dem Wort „Mit – leiden“ auf. Im „Mit-leiden“ öffnen wir unser Herz auf Augenhöhe und nicht von oben herab. Für mich drückt die Jahreslosung eindrücklich aus wie wichtig es ist empathisch, offen und mitfühlend zu sein und zu bleiben. Da, wo uns – oft unerwartet – auf unserem Lebensweg Menschen begegnen sind wir eingeladen hinzusehen und zu hinzuhören, mutige Schritte zu gehen und statt vorgefertigter Meinungen auch mich selbst immer wieder zu hinterfragen.

Das können so herausfordernde Situationen wie der unter die Räuber gefallene Verletzte im Gleichnis oder der auf Hilfe angewiesene Mann im Vorraum der Bank sein – aber oft ist unsere Barmherzigkeit in viel unspektakuläreren Augenblicken angefragt.

Wie schön kann es sein, wenn ein anderer Mensch bei mir einfach mal „alle Fünfe grade sein lässt“ und mir die befreienden Worte sagt: „Das macht doch nichts“. Wie schön, wenn mir ein Fehler verziehen wird und Menschen Nachsicht mit meinen Schwächen haben. Und gerade das vergangene Jahr hat uns – in allem Schweren – auch gezeigt, wie gut es sein kann eine Gemeinschaft neu zu spüren, einander zwischen den Generationen selbstverständlich zu helfen und Rücksicht zu nehmen.

Wir haben gerade Weihnachten gefeiert – ganz anders als sonst – auch hier war Barmherzigkeit gefordert. Gott kommt als Menschenkind in diese Welt. „Es kann nicht sein, dass Gott Mensch wird und kein Mensch ändert sich“.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Gottes Barmherzigkeit ist schon da. Wir dürfen mit der Gewissheit leben, dass Gott uns mit seiner Liebe in all´ unseren Schwächen, Fehlern und Zerrissenheit umfängt und trägt. Das geht der Aufforderung „Seid barmherzig“ voraus. So werden wir aufgefordert, aber nicht überfordert.

Und so öffnet die Jahreslosung buchstäblich das neue Jahr 2021 vor uns.

Sie öffnet unser Herz für all` die Augenblicke und Herausforderungen und Begegnungen. Sie fordert uns auf zum achtsamen Hinsehen, zum Eintreten, wo es nötig ist, zur Nachsicht mit uns und anderen in der Zusage: Gott ist barmherzig mit uns.

Pastorin Corinna Claussen