Jesus spricht: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

10. Mai 2020

 - Copyright: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Ein Satz, an den ich sofort denken musste, als die Kontaktsperre veranlasst wurde. Nun sind es eher zwei als drei, die zusammenkommen. Und selbst mit der Erlaubnis, eine andere Person zu treffen, stelle ich mir immer wieder die Frage: Wen kann ich treffen? Wenn ich drei Tage hintereinander – immer zu zweit – eine andere Person treffe, schütze ich dann noch mich, meine Familie, mein Umfeld genug? Wie schaffe ich es Abstand zu meiner Oma zu halten, wenn sie im gleichen Haushalt wohnt?

Die stärkende Nähe zu den Menschen um mich herum wird überschattet von einem riesigen Verantwortungsgefühl – ein Verantwortungsgefühl auch gegenüber vollkommen Fremden im Park oder im Supermarkt. Verantwortung und Respekt zeigen wir momentan mit Absagen, Abstand und verdeckten Gesichtern. Geburtstagsglückwünsche ohne Umarmungen, Verabschiedungen und Begrüßungen ohne Körperkontakt. Die Welt steht Kopf. Auch das Annehmen als Gegenüber, dass all dies Zeichen des Respekts und nicht der Verachtung sind, muss geübt werden.

Dazu jeden Tag ein Meer an Informationen, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Vorsicht ist besser als Nachsicht, denke ich. Aber auch Einsamkeit auf Dauer ist keine Lösung. Dazu die offiziellen Regelungen, die beachtet werden müssen. So schwirrt den meisten Menschen der Kopf.

Inwieweit ersetzen Skype-Treffen persönliche Treffen? Die meisten meiner Freunde habe ich seit Dezember oder Januar nicht gesehen – da ging für mich ein Prüfungs-Marathon in der Uni los. Mitte März war er zu Ende – wenige Tage später folgte die Kontaktsperre. Anfangs dachte ich: das ist doch kein Problem! Wir sind skypen, telefonieren und ewig lange Audionachrichten auf Whatsapp gewohnt. Mit der Zeit kam dann trotzdem das Vermissen nach gemeinsamen Abenden, nach Ausflügen in der Sonne, nach Gesprächen ohne „wie bitte?“ und „warte, ich geh mal näher an den Router“.

Wertschätzung von gemeinsamer Zeit – sowohl im Sinne des „Gewinns an Zeit“ mit meiner Familie als auch durch den „Verlust an Zeit“ mit meinen Freunden – nehme ich aus dieser Zeit mit. Vor einigen Wochen sagte ich noch sämtliche Treffen ab, um für die Klausuren zu lernen – kurz danach, waren Treffen zu 5. oder 6. undenkbar. Allein an diesem Beispiel habe ich die „Lehre der Entschleunigung“ am eigenen Körper gespürt: vielleicht in Zukunft häufiger mal im Moment zu leben, statt zu sehr vorauszuplanen. So klischeehaft es auch klingt, für mich waren die letzten Wochen in dieser Hinsicht ein wahrer Segen.

Mit dem Wissen, dass es vielen Menschen sehr schlecht ging und geht, viele einsam sind, finanzielle Sorgen überhandnahmen, Lebensbereiche eingeschränkt wurden, Abibälle und Hochzeiten abgesagt wurden, Altersheime keine Besuche empfangen dürfen, Menschen erkrankten und starben, wünsche ich mir, uns und der Welt so eine Zeit nie wieder.

Aber ich nehme doch etwas Gutes mit: den Schatz der gemeinsamen Zeit mit meinen Omas, die ich doch viel zu selten besucht habe, bevor es nicht mehr ging; mit meiner Familie, die doch so selbstverständlich immer da ist, dass man sich viel zu selten „Extra-Zeit“ für sie nimmt; mit meinen Freunden, die ich so lange hintenan gestellt habe, bis all unsere auf-später-verschobenen-Abende nicht mehr möglich waren.

Nur langsam taste ich mich wieder an „Nähe“ heran – ich glaube vielen geht es ähnlich. Es fühlte sich fast leichter an, die Abstandsregelungen zu übernehmen, als nach und nach vorsichtig wieder Nähe und Treffen zuzulassen, ohne einen „Fehler“ zu machen.

Vielleicht draußen – zu zweit – mit zwei Meter Abstand für einen Spaziergang? Vielleicht irgendwann – zu dritt, wenn es wieder erlaubt ist – im Garten auf einer Picknickdecke? Gottes Segen immer bei uns, behütend, beschützend. Mir haben die vielen neuen Online-Auftritte – Podcasts, Sonntagsbotschaften, Blogeinträgen – viel Hoffnung gespendet. Auch in den Wochen und besonders Ostertagen ohne Gottesdienste in den Kirchen. Denn: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Janna Claussen