7. Dezember 2019
Die „Ros“ ist also ein junger Trieb/ein Reis?

Zweiter Advent 2019

Es ist ein Ros entsprungen – Ein Rätsellied

Eines der beliebtesten Weihnachtslieder und einer der größten deutschen Exportschlager ist das Lied: „Es ist ein Ros entsprungen“.

Als Kinder haben wir gerne gesungen: „Es ist ein Ross entsprungen“ und wir dachten an ein Pferd, das weggelaufen ist. Das konnten wir uns vorstellen und auch die Aufregung, die das entsprungene Pferd verursacht hat.

Aber das ist natürlich nicht gemeint, sondern ein „Ros“ beschreibt den neuen frischen Trieb, der aus einem alten abgestorbenen oder abgesägten Baum wieder hervortreibt. So ein Trieb wird auch „Reis“ genannt. Der Text des Liedes bezieht sich auf Jesaja 11,1: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“.

Aber es wird noch komplizierter mit der „Ros“. Der Dichter dachte bei „Ros“ an Maria, die im Mittelalter mit vielen Bildern beschrieben wurde, z.B. als „Meerstern“, als „Edelstein“ und auch als „Rose“. Im Lateinischen gibt es den Gleichklang  von Jungfrau (virgo) und Reis/Trieb (virga). Es handelte sich ursprünglich um ein Marienlied.

„Es ist ein Ros entsprungen“ – damit ist Maria gemeint, die mit der Königin der Blumen, der Rose verglichen wird. So löst der Beginn der zweiten Strophe das Rätsel mit der „Ros“ auf:

„Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, ist Maria die Reine.“

Aber schauen wir zuerst den Anfang an:

1. Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art,
und hat ein Blümlein bracht,
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.

Maria hat uns „das Blümlein“ gebracht, das an dem Reis, dem neuen Trieb erblüht. Mit dem „Blümlein“ ist das himmlische Kind Jesus gemeint. Weil die Geburt des Kindes als Wunder verstanden wurde, heißt es weiter, dass dieses alles im kalten Winter um Mitternacht geschehen ist: „mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“
Der Vergleich spielt mit dem Bild der Rose, die nun wieder als Blume aufgefasst wird. Das gibt es nur als Wunder, dass im Winter um Mitternacht eine Rose erblüht.

Die erste Strophe ist in den katholischen und evangelischen Liederbüchern gleichlautend, aber die zweite Strophe ist unterschiedlich.

In den katholischen Liederbüchern lautet die zweite Strophe:

2. “Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
ist Maria die Reine
die uns das Blümlein bracht.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
und blieb doch reine Magd.“

So lautete ursprünglich die zweite Strophe, aber für die Evangelischen war da zu viel Maria drin. Die Evangelischen wollten die Rolle Marias in diesem Lied zurückdrängen und den Fokus auf Christus richten. Er sollte die Hauptperson im Weihnachtsgeschehen sein. Und deshalb haben sie die zweite Strophe umgedichtet:

2. „Das Blümlein, das ich meine,
davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie, die reine Magd.
aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren,
weches uns selig macht.“

Das „Röslein“, also Maria, wurde protestantischerseits ersetzt durch das „Blümlein“ Jesus. Und in der letzten Zeile wird nicht die Jungfrauengeburt betont, sondern vielmehr, dass uns der Gottessohn Seligkeit und Heil bringt.

Auch wenn nicht alles in diesem Lied auf Anhieb zu verstehen ist und es sich nicht so genau erschließt, an welcher Stelle nun eine Rose, ein frischer Trieb/ein Reis oder Maria gemeint ist, finde ich es immer besonders berührend, im Gottesdienst am Heiligen Abend dieses Lied zu singen. Ich jedenfalls denke dann immer an eine Rose in der Winternacht, die plötzlich erblüht – ein Wunder, wie die Seligkeit, die uns das Christfest schenken will und nach der ich mich sehne, Jahr für Jahr am Heiligen Abend.

Pastorin Christa Usarski