Betrachtungen zum Altarbild der Erlöserkirche

von Jürgen Wulf

Zum Altarbild der Farmsener Erlöserkirche

Das 3m x 1,50m große Bronzerelief hat den Titel  „Christus mit ausgebreiteten Armen“. Es stammt  von Robert Müller-Warnke (geb. 1915), einem Schüler  von Gerhard Marcks.

Unser Altarbild wurde zusammen mit der Kirche am 6.11.1960 geweiht und hat der Kirche ihren Namen gegeben. Es zeigt einen nach links gewendeten Christus, von dem nur der Oberkörper, nicht aber die Hände zu sehen sind. Der Bildhintergrund ist dreigeteilt: links oben ein Strahlenbündel, das vom Kopf ausgeht;   rechts  eine diagonale Struktur von links oben nach rechts unten;   links unten eine waagerechte Struktur.

Zwischen dem Christus-Torso und dem Bildhintergrund tun sich tiefe Gräben auf.

Das Relief ruht auf zwei in die ‚Altarwand eingelassenen Konsolen, die ihrerseits auf einem Sockel  aus braunem Muschelkalk liegen, der aber weitgehend vom Altarstein aus schwarzem Terrazzo  verdeckt wird.

Das Altarbild ist rahmenlos.

Wenn man die Gesetzmäßigkeit des Davor oder Dahinter ausblendet, kann man das Ensemble von Altarwand und Altarbild auch so sehen, dass sich in der Altarwand ein Fenster eröffnet, das uns ausschnittsweise einen Blick freigibt in eine jenseitige, geistige Welt. So wie bei der Sixtinischen Madonna von Rafael der Vorhang sich nur für einen Moment öffnet und uns den Blick in das himmlische Geschehen freigibt. So wie sich die Gotteserkenntnis uns nur in kürzesten, glückhaften Momenten offenbart.

Dieses Relief ist ein Mysterienbild, denn es enthält ganz zeichenhaft und aufs Äußerste reduziert  Aussagen des christlichen Glaubens, die sich dem Betrachter erst nach längerer Bemühung erschließen und die zur Meditation einladen.

1. Ein Karfreitagsbild

Viele, die dieses Relief zum ersten Mal erblickten, waren erschrocken, vielleicht sogar unangenehm berührt durch diese gnadenlose, wie im Zoom vergrößerte Nahaufnahme von Schmerz und Qual. Ein länglich-blockhafter Kopf, überdimensioniert und grobschlächtig, mit  harten Kanten und deformierender Stirnfalte. Die Augen halb geschlossen, als bereite es Mühe, den Blick zu heben, der Mund leicht geöffnet, die Mundwinkel kraftlos nach unten gezogen, so sehen wir vor uns einen tödlich Erschöpften, der das Ende der Qualen erreicht hat.

Die Arme sind in den Schultern eigenartig verrenkt, so dass selbst das bloße Hinschauen die Schmerzen der Tortur spürbar werden lässt. Sind sie durch die Falten eines Gewandes verhüllt oder haben wir hier das Marterholz direkt vor uns,  zerhackt und zerbrochen?

Nichts ist geblieben von den edlen Zügen des Gottessohnes, die uns in den Kreuzigungsdarstellungen vergangener Jahrhunderte die Annäherung an das Passionsgeschehen so sehr erleichtert hatten. Darf man Ihn so darstellen? Zwischen den altvertrauten und liebgewordenen  Bildwerken früherer Zeiten und der Entstehung dieses Reliefs liegen jedoch zwei schreckliche Weltkriege, deren Grauen und unendliches Leid eine Wiederaufnahme alter Bildmuster unmöglich machten.

Doch warum hat die Augenbraue in der Mittelachse des Bildes diese eigenartige Form? Es sieht aus wie ein Dreieck. Wir erinnern uns, dass das Dreieck seit dem Mittelalter als ein Zeichen für Gott eingesetzt wurde, sehr oft auch umschloss es ein Auge – ein Kürzel für die Allgegenwart des Herrn. „Wohin soll ich fliehen vor Deinem Angesicht?“ heißt es in Psalm 139,7, oder  “..vor seinen Augen ist nichts verborgen (Sir 39,24.; Mt 6,4).

In der angehobenen Braue sehen wir das Zitat dieses uralten Zeichens, das uns sagt: Gott direkt blickt dich an in diesem Leid und Elend. („Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“  Mt.25 ,40)

Aus den Evangelien wissen wir, dass im Leiden und im Mitleiden eine entscheidende Durchgangsphase zur Erlösung hin angelegt ist. Der verlorene Sohn erkennt erst im Elend der selbstverschuldeten Verbannung sein Unrecht. Erst als er im Leiden auf sich selbst zurückgeworfen ist, macht er Erfahrungen und gewinnt Erkenntnisse, die ihm die Augen öffnen für sich selbst, seine Mitmenschen und seine Umwelt. Und so verstehen wir auch, dass Erlösung nicht erst nach dem Tode zu erwarten ist, sondern dass im Leiden und Mitleiden schon hier und jetzt ein Einswerden mit Gott möglich ist.

Die Härte dieses Bildes aber lässt uns verstehen, wie unerreichbar dem reichen Jüngling (Mt 19,16) die Nachfolge Jesu in aller Konsequenz erscheinen musste und warum die Umsetzung der Bergpredigt (Mt 5,1) (Lk 6,20-49) seinen Jüngern bis heute nicht gelingen will.

2. Ein Osterbild

Im Mittelpunkt unseres Bildes liegt - grob, unförmig und schwer wie ein Felsblock - der Kopf,  wie ein Findling auf dem Acker.  Dazu drängt sich uns der Ausruf  des Psalmisten (Ps. 118, 22)  auf: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein worden“.  Aus einem unbeachteten Abraum wird das Fundament, auf dem das Heil der Welt ruht.

Wenn wir das Altarbild von der Seite betrachten, bemerken wir, dass die umgebenden Flächen, die als Bildhintergrund aufgefasst werden, in Wahrheit den Bildvordergrund bilden, denn die Christusfigur tritt dahinter zurück.  Es ist, als versänke er in einen Graben, oder besser: ins Grab.

Bei Johannes heißt es: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh.12, 24)

Also können wir diesen Wechsel der Ebenen auch ganz anders sehen: dargestellt ist nicht das Versinken in das Grab, sondern sein Gegenteil. Die Erde tut sich auf, und heraus bricht der Todüberwinder. Aus der Armhaltung, die wir als Hinweis auf Tortur und Folter angesehen hatten, werden die nun emporgerissenen Arme des Siegers, und die Flammen seiner Strahlenkrone weisen auf die Überwindung von  Hölle und Tod, die Befreiung von Sünde und Angst und sie geben uns die Gewissheit, dereinst in Seinem Glanz zu sein.

3. Ein Bild der Trinität

Warum hat der Künstler die den Christus einrahmenden Flächen unterschiedlich gestaltet? Strahlenkrone oder Heiligenschein, die den Kopf umgeben, sind uns aus traditionellen Darstellungen bekannt. Sie erhöhen die Bedeutung des Dargestellten. Aber was stellen die beiden anderen Flächen dar?

Die Fläche links unten ist horizontal strukturiert. Ist hier ein gepflügter und geeggter Acker gemeint oder vielleicht auch ein vom Wind gerippter Sandboden? Ich sehe hier eine Darstellung von Erdreich, wie ich im rechten Feld – mit der diagonalen Struktur von links oben nach rechts unten - den vom Wind abgelenkten Regen dargestellt sehe, ein Zeichen für das Element Wasser.   Wenn man akzeptiert, dass in den drei hier gewählten speziellen Darstellungen der Elemente Feuer, Wasser und Erde das fehlende vierte Element, die Luft mit ihrem Wehen, auch gleichzeitig mit dargestellt ist, so haben wir hier zeichenhaft ein Bild für die  Welt, die nach uralten Vorstellungen aus diesen vier Elementen  besteht - die Welt, die zu erlösen Gott seinen Sohn dahingegeben hat.

Genauso schlüssig erscheint mir aber auch, hier eine Darstellung der Trinität zu sehen. Gott Vater, der Licht werden ließ, ist von jeher mit dem Lichte gleichgesetzt worden (der Herr ist mein Licht und mein Heil, Ps. 27,1).

Dem sterblichen Gottessohn ist die Erdscholle zuzuordnen, da er unter den aus Erde erschaffenen Menschen gelebt hat (…bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. 1.Mos.3,19,  …also wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde sein. Mt  12,40, )

Der Heilige Geist wurde neben dem Feuer und dem Wind immer auch mit dem Wasser assoziiert und im Wasser der Taufe erscheint er uns gegenwärtig (Jesus sagt zu Nikodemus: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich kommen. Joh.3,5). So liegt es nahe, ihn auch hier im Bild des Regens zu erkennen, in dem Wasser und Wind zusammen dargestellt sind.

Weitere Hinweise auf den Heiligen Geist sehe ich neben dem Altarrelief unserer Kirche auch in der Gestaltung der Altarwand. Die offenen Stoßfugen der weißgestrichenen Backsteinwand werden nach oben hin enger, so dass der Eindruck entsteht, als regne es vom Scheitel des Gewölbes herab.

Auch die Kathedralglasfenster zwischen den Streben des Gewölbes weisen mit ihren blauen und roten Bändern, die als das Wasser der Taufe und das Feuer des Geistes angesehen werden, auf den heiligen Geist hin (Pfingsten).

So finden wir Anknüpfungsmöglichkeiten für alle Zeiten des Kirchenjahres.