Throne
Lunar Pitris

Engel in Farmsen -
Zwei Collagen von Henning Rethmeier

Im großen Saal des Farmsener Gemeindezentrums hängen zwei großformatige Gemälde des Holsteinischen Künstlers Henning Rethmeier mit den Bezeichnungen „Throne“ und „Lunar Pitris“, beides Namen für unterschiedliche Engelschöre.

Beide Bilder wurden 1992 gemalt und haben das Format 305 x 205 cm. Der 1958 in Uetersen geborene Maler hatte sie 1998 der Gemeinde  als Leihgabe überlassen und seitdem erfreuen sie mit ihrer überwältigenden Farbigkeit die Besucher.

Der erste Eindruck, den die Rethmeier-Bilder vermitteln, ist der von ausufernder, dramatisch-explodierender Farbigkeit. Aus einem dunklen Schwarzblau bricht ein strahlendes Glutrot bzw. sonnendurchflutetes Gelb hervor. Die schwelgerische Farbfülle lässt einen zunächst gar nicht bemerken, dass die Bilder ungegenständlich sind - genauso ungegenständlich wie etwa eine verwitterte Putzfläche an einer alten Hauswand oder aber wie Wolkenformationen, in deren ständig wechselnden Formen und Strukturen wir uns oftmals träumend verloren haben und die unserer Phantasie so viele Anknüpfungspunkte vorgeben, aus denen wir dann unsere eigene Gedankenwelt entstehen lassen können.

Henning Rethmeier gibt uns mit den Titeln „Throne“ und „Lunar Pitris“ einen Hinweis darauf, wie seine Bilder aufzufassen sind, nämlich der Welt der Engel zugehörig,

Der Himmel mit seinen Wolken ist von altersher als der Ort angesehen worden, an dem sich die Engel aufhalten. Einer rationalen Prüfung hält diese Vorstellung natürlich nicht stand, aber sie kommt unserer sinnlichen Erfahrung am nächsten und wird von Künstlern aller Jahrhunderte immer wieder aufgegriffen. Auch Henning Rethmeier macht hier keine Ausnahme. Aber indem er Gegenständliches nahezu ausblendet, macht er es uns leichter, uns auf die geistige Dimension des Heilsgeschehens zu konzentrieren

Die Throne kennen wir aus der Abendmahlsliturgie, wo es in der Präfation heißt:

„Wahrhaft würdig und recht, billig und heilsam ist´s, dass wir Dir, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, allezeit und allenthalben Dank sagen durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Darum mit allen Engeln und Erzengeln, mit den Thronen und Herrschaften und mit dem ganzen himmlischen Heere singen wir Deiner Herrlichkeit einen Lobgesang und bekennen ohne Ende….“

Die Throne bilden, wie ihr Name sagt, Gottes Trohn, befinden sich also in Seiner unmittelbaren Nähe und stehen nach traditioneller Auffassung sehr hoch in der himmlischen Hierarchie.

Bei den Lunar Pitris handelt es sich um die unterste Stufe der Engelhierarchie. Es sind dies die persönlichen Schutzengel, die jedem Menschen als geistige Führer zugeordnet sind. Rethmeier verwendet hier eine Bezeichnung aus der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Alle Bilder von Gott und seinen Engeln sind immer nur Hilfsmittel, um Unaussprechliches verstehbar zu machen. So wie alle Heiligen in ihrer Verschiedenartigkeit nur die unterschiedlichen Aspekte des einen Gottes beleuchten und auf Ihn verweisen, so sind alle Engel nur ein Hinweis auf den Einzigen und Seine Glorie. Die Vorstellung von Engeln als geflügelten Wesen ist ein Versuch, zu  zeigen, dass Gott zur gleichen Zeit hier bei uns und genauso auch an einem ganz anderen Ende der Welt gegenwärtig ist. Unsere Vorväter stellten uns das Bild der Vögel vor Augen, die - schnell, wie der Wind - den Ort wechseln können. Und so hatten die Engel eben Flügel. Heute würde man vielleicht das Bild einer Laserkanone oder eines Elektronenbeschleunigers wählen, um Gottes Allgegenwart zu umschreiben.

Aber wie kann man in unserer von den Naturwissenschaften geprägten Zeit denn zum Beispiel Auferstehung und Himmelfahrt glaubhaft beschreiben? Wie macht man die Glorie Gottes deutlich?

Im Mittelalter wählten die Künstler dafür den Heiligenschein oder den Goldgrund der Altarbilder, um das Unsagbare darzustellen. Im Islam versucht man, sich der Unbegreiflichkeit Gottes mit Hilfe der tausend Namen Allahs anzunähern, genauso wie wir Christen Ihn mit unendlich vielen Namen belegen, die Seine Unermesslichkeit umschreiben sollen, wie zum Beispiel: Schöpfer, Weltenrichter, Ernährer, Tröster, Vater.

Rethmeier unternimmt es, indem er Licht und Farbe einsetzt.

Das weiße Licht im Zentrum unserer Bilder steht für die Herrlichkeit Gottes. Mit der Entfernung von Gott verstärkt sich die Dunkelheit bis hin zum furchterregenden Schwarz des Höllenschlundes.

Erinnern wir uns dabei an den Isenheimer Altar von Mathias Grünewald, in dem das Gesicht des Auferstandenen in die Mitte eines Lichtballes gesetzt ist. Auch hier wird mit den ärmlichen Mitteln der Farbe versucht, eine Vorstellung von der verheeren Wirkung eines Lichtblitzes zu vermitteln. Die Vergeblichkeit dieses Bemühens war dem großen Grünewald bewusst und so stellte er die Auswirkungen gleich mit dar: die Macht dieser Erscheinung reißt die Wächter des Grabes von ihren Füssen und wirft sie zu Boden. So wird verdeutlicht, wie unerträglich der Anblick Gottes sein muss.

Throne

In unserem Bild „Throne“ entwindet sich eine vogelähnliche Struktur einem feurigen Vulkanschlund, eine weiße Aura  wie eine Schleppe nach sich ziehend. Es drängt sich die Assoziation eines Phönix` auf, des sagenhaften Vogels der Antike, der sich zum Sterben in das Feuer stürzt, um danach neugeboren aus der Asche wieder aufzusteigen. Im frühen Christentum war er ein häufig verwendetes Symbol für den Auferstandenen. Und so sehe auch ich dieses Bild als einen Hinweis auf die Auferstehung.

Lunar Pitris

Auch in dem zweiten Bild „Lunar Pitris“ lässt sich ein Vogel ausmachen. Hier fliegt er aus dem tobenden, dunklen Gebräu ins verheißende Licht eines Wolkenlochs. Ist es Noahs Taube, die nach dem Abflauen des verheerenden Unwetters wieder rettendes Land findet? Oder ist es unser Seelenvogel, unser Schutzengel, der uns den Weg weist aus der angstvollen Bedrängnis unseres irdischen Daseins hin zum Licht der Erlösung, zur Herrlichkeit Gottes?

Altarflügel von Hieronymus Bosch

Auch hier drängt sich mir eine Entsprechung in der Altarbildmalerei der Renaissance auf: Hieronymus Bosch zeigt in einem Altarflügel des Jüngsten Gerichts, wie die Seelen der Gesegneten von den Engeln zur Herrlichkeit Gottes geleitet werden. Ein unwiderstehlicher Sog ist es bei Bosch wie bei Rethmeier, der uns sehnsuchtsvoll in dieses weiße Licht zieht, hin zum Eins werden mit Gott am Ende unserer Tage.

Ich bin überzeugt, dass diese Bilder mit ihrer verheißungsvollen Aussage uns bei unseren kommenden Aufgaben erfreuen und stärken werden.