Interview mit Michael Gellermann

Herr Gellermann, Sie sind seit 28 Jahren Kantor in unserer Gemeinde und gehören somit quasi zum Urgestein. Was hat unsere Gemeinde richtig gemacht, dass Sie es so lange mit uns ausgehalten haben?

Sehr vieles! Wobei „aushalten“ eher unzutreffend gewählt ist, denn natürlich mache ich meine Arbeit in der Gemeinde sehr gerne. Es gibt hier vieles, worum ich von etlichen Kollegen beneidet werde: die schöne Orgel in der Erlöserkirche, die über viele Jahre immer stabiler gewordenen, gewachsenen Gruppen, den Förderverein und natürlich das außerordentlich angenehme Arbeitsklima zwischen mir und den vielen Menschen, mit denen ich es zu tun habe.

An welches musikalische Ereignis denken Sie besonders gern zurück?

Schwierig, ein einzelnes Ereignis zu benennen. Eigentlich denke ich insgesamt an alle Aufführungen sehr gern zurück.

Sie haben ja mit Kantorei und Streichorchester schon viele große Werke der Musikliteratur aufgeführt. Gibt es ein Werk, das Sie gern erarbeiten würden?

Natürlich gibt es (bei aller Dankbarkeit für die großen Werke, die wir aufführen konnten) auch manches, was ich gerne machen würde, wenn es machbar wäre: Z.B. Peppings „Missa Dona nobis pacem“, die e-Moll Messe und die 4. Symphonie von Bruckner und die Symphonie von Cesar Franck.

Ein Kantor spielt die Orgel und leitet den Kirchenchor. Aber darin erschöpft sich Ihre Arbeit ja nicht. Welches sind weitere Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Natürlich das Streichorchester, dann die Kinderchöre und das Singen mit den Kitakindern.

Die Kantorei besteht aus über 60 Mitgliedern, die viel Arbeit investieren, oftmals weite Wege auf sich nehmen, um an den Proben teilzunehmen, und das alles ehrenamtlich. Viele sind sogar darüber hinaus bereit, einen finanziellen Beitrag für die kostspieligen Aufführungen zu leisten. Was bieten Sie ihnen, dass Sie ihnen so viel abverlangen können? Welches sind Ihre Tricks, sie bei der Stange zu halten?

Von „Tricks“ würde ich nicht sprechen. Natürlich hat jeder Kirchenmusiker seinen eigenen Probenstil. Grundsätzlich ist mir wichtig, die eigene Begeisterung für die Musik energisch zu vermitteln, ohne dabei zu vergessen, dass man es in der Regel nicht mit Berufsmusikern, sondern mit Laien zu tun hat - ohne ein gewisses Maß an Geduld, Gelassenheit und auch Humor würde die Arbeit so nicht funktionieren!

Dem Besucher der Empore der Erlöserkirche fällt auf, dass auf dem Spieltisch der Orgel ein Bild des Thomas-Kantors steht. Warum steht der da?

Tja. Wenn ich eine Orgelführung für Kinder mache und nach dem Bild gefragt werde, sage ich immer: Der passt immer auf, dass ich mich bei seiner Musik nicht verspiele. Ist natürlich nur halb im Scherz gemeint. Das Bild haben mir meine Eltern geschenkt, als ich noch keine zehn Jahre, aber schon vernarrt in Bach war. So gesehen hat es natürlich auch ein bisschen mit Sentimentalität zu tun.

Die Gottesdienstbesucher sind inzwischen daran gewöhnt, dass die Feier durch sehr anspruchsvolle Orgelmusik eingerahmt wird. Welches ist Ihr absolutes Highlight der Orgelliteratur?

Auch da ist es schwierig, ein einzelnes Werk zu benennen. Vielleicht Bachs Passacaglia.

Sie sind ja auch Mitglied der Ernst-Pepping-Gesellschaft. Welchen Raum nehmen die moderneren Komponisten in Ihrer Arbeit ein?

Zugegeben, bis auf wenige Ausnahmen eher wenig. Ab und zu spiele ich im Gottesdienst, wenn es zum Lied passt, modernere Choralvorspiele, oder die Kantorei singt mal eine Motette oder einen Satz aus dem 20. Jahrhundert.

Gibt es für Sie ein Leben außerhalb der Musik? Treiben Sie Sport?

Wandern und Radfahren

Bitte verraten Sie uns, wie Ihre Begeisterung für die Kirchenmusik entstanden ist. Stammen Sie aus einer musikalischen Familie?

Ich stamme aus einer Pastorenfamilie. Von meinen 7 Geschwistern bin ich der einzige, der hauptberuflich mit Musik zu tun hat. Die Entscheidung, Kirchenmusiker zu werden, ist tatsächlich erst spät gefallen. Mein älterer Bruder hatte schon einige Jahre früher Orgelunterricht erhalten. Manchmal half ich ihm bei Gottesdiensten oder Konzerten beim Registrieren – was bei mir vermutlich erheblichen Eindruck hinterlassen hat.

Sie haben zwei erwachsene Töchter, die auch musizieren. Welche musikalischen Richtungen haben die eingeschlagen?

Saskia hat Schulmusik studiert und beginnt in Kürze ihr Referendariat. Daneben hat sie sich auf Barockgeige spezialisiert und spielt oft in Barockorchestern mit. Elisa hat nach ihrem abgeschlossenen Bratschenstudium noch einmal etwas völlig anderes begonnen und studiert jetzt Informatik und Betriebswirtschaft in Frankfurt (im Moment für ein Semester in Boston). Das Bratschenspiel hat sie (zum Glück) trotzdem nicht abgelegt und spielt nach wie vor bei einigen Orchesterprojekten mit.

Herr Gellermann, wir danken Ihnen für dieses Interview.
(August 2018)