Detlef Baade

Detlef Baade, 1954 in Hamburg-Waltershof geboren, wuchs in einem damals ländlich geprägten Elbinsel-Dorf auf, das für die Kinder ein Paradies aus Sandstränden, Obstbäumen und Gemeinschaft war. Dieses Leben wurde am 16./17. Februar 1962 durch die verheerende Sturmflut jäh zerstört. Nach Tagen schwerer Stürme führte das Orkantief „Vincinette“ zu einer außergewöhnlich hohen Flut, die wegen eines behinderten Ebbabflusses und Atlantikwellen neue Rekordpegel erreichte. In Hamburg brachen über 60 Deiche; besonders betroffen waren die tief gelegenen Gebiete Wilhelmsburg und Waltershof, die sich innerhalb kürzester Zeit vollständig mit Wasser füllten.

Die Behörden hatten Warnungen unterschätzt; ein Katastrophenplan fehlte. In Waltershof wurde die Familie Baade mitten in der Nacht überrascht. Für den siebenjährigen Detlef wirkte der Beginn der Katastrophe zunächst wie ein Abenteuer—Kerzenlicht, das Sitzen auf dem Küchentisch, die schwimmenden Möbel. Am nächsten Tag jedoch sah er zerstörte Häuser, Vermisste und Tote. Besonders prägte ihn der Anblick eines erfrorenen Kindes im Mühlenberger Grund, einer Siedlung aus Behelfsheimen, die von der Flut vollständig weggerissen wurde.

Detlefs Vater Herbert und Mutter Alma retteten mit einem herrenlosen Schlauchboot und ihrem VW Käfer mehr als 30 Menschen aus dem überfluteten Gebiet. Viele andere verloren Angehörige; allein in Waltershof starben 43 Menschen. Die Waltershofer Schule diente als Hilfszentrum für Obdachlose, Vermisste und die Versorgung der Überlebenden. Insgesamt forderte die Sturmflut 315 Tote, 20.000 Obdachlose und massive Sachschäden; von den ehemals rund 4.000 Einwohnern Waltershofs blieben nur wenige Hundert.

1976 traf die Familie eine zweite schwere Sturmflut: Der Orkan „Capella“ brachte den bis heute höchsten gemessenen Wasserstand der Elbe. Zwar brachen diesmal die Deiche nicht, doch in den ungeschützten Hafenbereichen entstanden enorme Schäden. Das Haus der Baades wurde vollständig zerstört; Detlef musste mit 21 Jahren neu beginnen. Er erhielt eine Ersatzwohnung im Hochhaus von Waltershof und blieb dort bis zu seinem 64. Lebensjahr. Aus Sorge vor künftigen Fluten zog er später bewusst in höhere Lagen am Falkenbergsweg.

Das alte, dörfliche Waltershof existiert heute nicht mehr; die Ortsmitte wird vom Hafengebiet und Containeranlagen geprägt. Doch die Erinnerung lebt in der Gemeinschaft der ehemaligen Waltershofer weiter. Zum 50. Jahrestag der Flut organisierten Detlef Baade und Johannes Tönnies 2012 erstmals ein großes Gedenktreffen in der Seemannsmission Duckdalben. Seitdem versammeln sich jedes Jahr zahlreiche frühere Bewohner, oft von weit her, um der 43 Toten zu gedenken und ihre gemeinsame Vergangenheit wachzuhalten. Vor der Seemannsmission erinnert ein Findling mit den eingravierten Namen der Verstorbenen an die Katastrophe.

Für Detlef Baade bleibt sicher: „Wirklich tot sind nur die, an die man nicht denkt.“

Aufgeschrieben von Ditha Günther

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