Neues aus der Biografiewerkstatt

Als ich die Biografiewerkstatt auf der Homepage der Kirchengemeinde gefunden habe, war mir klar: Bei genau diesem Projekt möchte ich mitmachen. Also fragte ich an, ob ich zu einem der Gruppentreffen dazu kommen und vielleicht dort einsteigen dürfe. Ja, hieß es. 

Mitte 2024 – im Jahr des 20ig jährigen Bestehens der Biografiewerkstatt - konnte ich erstmals beim Treffen der Gesamtgruppe dabei sein. Das neunte Buch war in Planung. Ich könnte, so hieß es, daran mitarbeiten. Allerdings, eine Schulung - so wie früher - gebe es nicht mehr. Ob ich trotzdem ein Interview führen wollte? - Das wollte ich und schnell hatte sich eine Lösung gefunden: Eine Vorbereitung in Eigenregie auf der Grundlage der alten Schulungsunterlagen. Schnell fanden sich drei alte Hasen der Biografiewerkstatt bereit, uns Neue - außer mir hatten sich noch zwei andere Frauen gemeldet – mit der Arbeit vertraut zu machen. Sogar anhand eines Rollenspiels konnte der Einstieg in ein Interview geübt werden.  

Wie sich der Kontakt zu einer Interviewpartnerin dann tatsächlich herstellen lässt - das erfährt man erst, wenn man sich gegenübersitzt. Bis es so weit war, konnte ich bei zwei Lesungen mitmachen. Wie unterschiedlich sich das gestaltete! Im Pflegeheim in Farmsen wurde still zugehört und gern zur Klavierbegleitung gesungen. Bei den Silberfüchsen in Farmsen/Berne gab es lebhafte Gespräche. In der Lebensgeschichte, aus der ich vorgelesen hatte, berichtet die Erzählerin, dass sie in den 50iger Jahren, ohne Zustimmung ihres Ehemannes, einen Arbeitsplatz angenommen hatte. Zu diesem Thema gab es viel auszutauschen unter den Seniorinnen, die sich gut daran erinnern konnten, dass Ehemänner damals einer Arbeitsaufnahme ihrer Frau zustimmen mussten und einen Arbeitsplatz - auch gegen den Wunsch der Ehefrau - kündigen konnten. Finstere Zeiten. 

Für das neunte Buch der Biografiewerkstatt gab es eine Liste von Menschen, die gerne ihre Lebensgeschichte erzählen oder einzelne Begebenheiten aus ihrem Leben berichten wollten. Bei einer dieser Interessent*innen stand ich im Frühjahr 2025 vor der Tür. Wir hatten zuvor telefoniert und ein paar Eckpunkte besprochen. Ein Termin war schnell gefunden und meine Interviewpartnerin hat es mir leicht gemacht. Mit ihrem Humor und ihrer Offenheit hat sie mich empfangen und wie sich herausstellte, war sie auf unser Gespräch bestens vorbereitet. Sie wusste genau, was sie berichten wollte, was ihr wichtig war. Schnell merkte ich, dass es ums Zuhören geht. 

Als ich mich nach unserem ersten Gespräch verabschiedete, war klar: hier ist etwas Wichtiges passiert. Ich durfte teilhaben am Leben meiner Interviewpartnerin, an Gutem und Schwerem. Erinnerungen waren lebendig geworden. Zwischen zwei Fremden ist Vertrauen entstanden. 

Ursula Annemarie Scheurer 

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